70.000 Wilhelmshavener auf der Flucht

Diese Schlagzeile könnte schon bald Realität werden, wenn wir nicht jetzt handeln.

Wie soll man einen Beitrag beginnen, der von den drohenden Auswirkungen eines menschgemachten Klimawandels handelt, der gelesen wird, der aufrüttelt, aber eben auch Chancen aufzeigt?

Diese Überschrift hat Euch zumindest bis hier her gebracht. „70.000 Wilhelmshavener auf der Flucht“ ist dabei keine Fake-News, sondern vielmehr eine realistische Beschreibung, die der von der Wissenschaft erwartete  Meeresspiegelanstieg von 1m in den kommenden 50 Jahren zur Folge haben könnte. Der Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC) vom 25.09.2019 ist erschreckend.

Die Klimaerwärmung sorgt für eine immer rasantere Abschmelzung der Polkappen und Gebirgsgletscher. Hinzu kommen Wetterextreme mit immer heftigeren Stürmen – Da werden unsere heutigen Deiche nicht mehr reichen.

 „Das Wattenmeer droht zu verschwinden. Küstenschutzmaßnahmen Maßnahmen muss man vergrößern und viel schneller in Wirkung setzen, als wir vorher vielleicht gedacht hatten, weil dieser Meeresspiegel-Anstieg doch viel schneller auf uns zukommt, als wir vorher gedacht haben.“

Klimaforscher Dr. Laurens Bouwer vom Climate Service Center Germany (GERICS) gegenüber dem Deutschlandfunk

Bei einer Meeresspiegelerhöhung von „nur“ einem Meter, wird die Küstenlinie völlig neu gezogen, wenn es nicht gelingt geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Schaffen wir es jedoch nicht die Klimaerwärmung zu stoppen, werden auch diese Maßnahmen sinnlos sein.

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Wenn der Meeresspiegel um 1m steigt. | Quelle: flood map

„Küste meldet Landunter“

Denken wir doch das Szenario mal zuende. 2070 konnten dem Meeresspiegelanstieg alle Schutzmassnahmen nichts entgegen setzen. Mehrere hunderttausend Menschen aus der Küstenregion Nordsee sind auf der Flucht vor dem Wasser. Sie wollen Sicherheit und drängen nach Hannover, Osnabrück oder noch weiter südlich. Wohnraum war vorher schon knapp. Jetzt sind die Kommunen völlig überfordert. In Auffanglagern werden eilig Containerdörfer errichtet. Die Einwohner der Regionen laufen Sturm, weil die Verwaltungen völlig überfordert sind. Nahrungsmittelpreise steigen dramatisch, weil große Teile der norddeutschen und niederländischen Landwirtschaftsflächen weg gefallen sind. Die Verkehrsinfrastruktur bricht zusammen. Tätliche Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Die Wirtschaft droht zusammen zu brechen, denn die Häfen Hamburg, Cuxhaven, Bremerhaven, Wilhelmshaven und Emden gibt es nicht mehr und der internationale Warenhandel  mit Deutschland bricht zusammen.

Ein nicht abwegiges Szenario, dass uns in 50 Jahren oder viel früher treffen kann, wenn wir nicht jetzt handeln.

Und was macht die Politik?

Die Bundesregierung aus CDU und SPD belässt es mit ihrem ‚Klimapaket‘ bei Symbolpolitik ohne Wirkung.

Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, meint zum Klimapaket der Bundesregierung in der ARD-Tagesschau:

Mojib Latif
Klimaforscher Mojib Latif | Foto: (C) Jan Steffen, GEOMAR

„Mein Urteil fällt vernichtend aus. Also das ist weit hinter dem zurückgeblieben, was ich mir vorgestellt habe. Man muss es so deutlich sagen: Das ist fast eine Nullnummer. Es fehlt das klare Bekenntnis zu den Erneuerbaren Energien. Wir haben ja praktisch schon die Solarindustrie an den Rand des Ruins gebracht. Jetzt ist die Windenergie dran. Bayern hat es durchgesetzt, dass dort auch weiterhin so gut wie keine Windkrafträder gebaut werden. Und das ist genau der falsche Weg, denn wenn wir wirklich die Energiewende wollen, dann brauchen wir einen massiven Zubau an Erneuerbaren Energien, und das kann ich hier in diesem Paket überhaupt nicht erkennen.“

Auch der BUND fordert konkrete, wirksame Maßnahmen von unserer Regierung:

„Es braucht ein Gesetz, das den Kohleausstieg bis 2030 regelt, ein verbindliches Klimaschutzgesetz und konkrete Maßnahmen, die den Ausbau der Erneuerbaren Energien wieder in Schwung bringen sowie die das Ende des Verbrennungsmotors einläuten. Ein CO2-Preis muss eingeführt werden, der schnell die Weichen für mehr Klimaschutz auch im Verkehr und im Gebäudebereich stellt.“

Julia Verlinden
Dr. Julia Verlinden MdB GRÜNE

Die GRÜNE Bundestagsabgeordnete Dr. Julia Verlinden macht klar, dass die Zeit drängt

„Notwendig ist jetzt nicht nur ein vorausschauender Küstenschutz in ganz Norddeutschland. Vor allem brauchen wir einen regelrechten Sprung beim Klimaschutz.“

Die Zeit läuft längst ab und während zu viele Politiker*innen immer noch meinen, in den Strategien und dem System, dass uns in diese Krise geführt hat, auch die Lösungen zu finden, sind die Jugend, die Wissenschaft, Klimaaktivist*innen und Umweltverbände unermüdlich dabei, den wirksamen Wandel zu fordern, Lösungsvorschläge zu machen, zu warnen und aufzuklären.

Einige Kommunen in Deutschland sind deutlich weiter als die Berliner Regierung. Sie haben den ‚Klimanotstand‚ ausgerufen. Damit stellen sie alle zukünftigen politischen Entscheidungen unter den Klimaschutz-Vorbehalt. Das bedeutet, jeder Beschluss, jedes Vorhaben in den Kommunen wird darauf geprüft, ob es negative Klimafolgen hat und nur dann beschlossen, wenn dies nicht der Fall ist. Zuletzt hat sogar die Regierung Österreichs den Klimanotstand ausgerufen.

Bündnisse, wie ‚Fridays for Future‚ und ‚extinction rebellion‚ bringen zehntausende Menschen auf die Strasse um die Politik zum Handeln aufzufordern. Greta Thunberg spricht vor dem UN-Klimagipfel eine deutliche Sprache. Am 23. September sagt sie vor der Versammlung:

All das hier ist falsch. Ich sollte nicht hier stehen. Ich sollte zurück in der Schule sein, auf der anderen Seite des Ozeans. Trotzdem kommt Ihr alle zu mir, um zu hoffen? Wie könnt Ihr es wagen! Mit euren leeren Worten habt Ihr mir meine Träume und meine Kindheit gestohlen. Und trotzdem bin ich noch eine von denen, die Glück haben. Menschen leiden. Menschen sterben. Ganze Ökosysteme brechen zusammen. Wir stehen am Beginn eines Massenaussterbens. Und alles, worüber Ihr reden könnt, ist Geld und Märchen von ewigem Wachstum. Wie könnt Ihr es wagen!

Wir retten nicht das Klima – Wir retten die Menschen!

Kohlekraftwerk Wilhelmshaven
Kohlekraftwerk Wilhelmshaven | Foto: Ulf Berner

Mögen die Klimaleugner, Rechtspoulisten, Höckes, Gaulands und Trumps dieser Welt es noch so sehr bestreiten. Dem Klima ist das egal. Die Haltung dieser Leute ist von Egoismus, Machtgier und Menschenverachtung geprägt. Diese Leute sind nicht dumm. Sie wissen genau was auf uns zu kommt.

Sie wollen die Menschen, die sie beherrschen wollen und die ihren Wohlstand sichern sollen in eine ausweglose Lage manövrieren, um ihnen dann als ‚Heilsbringer‘ eine billige Lösung zu verkaufen, die keine ist. Ihr Argument beispielsweise, Deutschland müsse in Sachen CO2 Ersparnis nichts tun, weil es gemessen an der Welt unbedeutend sei, ist schlicht eine Finte.

„Im Durchschnitt sind die Nationen der Erde für etwas weniger als fünf Tonnen CO2 pro Kopf verantwortlich. Das entspricht annähernd der Hälfte der deutschen Pro-Kopf-Emissionen.Verantwortung lässt sich nicht aufteilen oder delegieren.“

Peter Carstens im GEO-Magazin

Der Wandel betrifft nahezu jeden Lebensbereich und krempelt unser Leben tüchtig um. Aber dies kann spannend sein, birgt neue Möglichkeiten und wenn wir es gemeinsam angehen, kann es auch noch befriedigend sein.

Fridays for Future Wilhelmshaven
Fridays for Future Demo in Wilhelmshaven | Foto: Ulf Berner

Aus dieser Nummer kommt niemand raus!

Jede*r Einzelne von uns kann und muss etwas tun. Allein in Wilhelmshaven und Friesland gibt es jede Menge Gruppen, Organisationen und auch Politiker*innen, die aktiv etwas tun und sich über jede Unterstützung freuen.

Jede*r einzelne kann :

  • so wenig wie möglich Auto fahren, und wenn gerne das Car-Sharing nutzen.
  • überlegen, ob es immer die exotischen Früchte und andere Lebensmittel sein müssen, die mit Flugzeugen und Containerriesen aus aller Welt heran gekarrt werden.
  • auf dem Wochenmarkt einkaufen und dabei regionale Landwirtschaft unterstützen oder in Supermärkten regionale Produkte kaufen.
  • so weit es irgend geht auf Einwegplastik verzichten und allgemein mehr auf Umweltschutz achten. Eine geschädigte Umwelt hat direkten Einfluss auf unser Klima.
  • als Botschafter für das Klima, Menschen ansprechen, die es mit dem Umweltschutz nicht so genau nehmen.
  • Die Kommunalpolitik genau verfolgen (Ratssitzungen und Ausschusssitzungen sind öffentlich!) und den Politikern gegebenenfalls „auf die Füsse treten“.
  • ‚Fridays for Future‘, ‚Critical Mass‘ oder ‚extinction rebellion‘ unterstützen.
  • in gemeinsamen Aktionen Müll sammeln.
  • uns in Gruppen, wie BUND, NABU, Greenpeace usw. engagieren.
  • an Treffen teilnehmen oder diese organisieren um geeignete Aktionen zu planen und durchzuführen.

70.000 Wilhelmshavener*innen bleiben hier und packen es an!

Dies sollte die Schlagzeile sein! Es ist an uns jetzt zu handeln und dies gemeinsam miteinander für unsere Stadt, unsere Region, unser Land. Und kein Handschlag, keine Aktion und keine Stimme ist zu klein, um nicht etwas zu bewegen.

Was ein einzelner Mensch in Gang setzen kann, zeigt Greta Thunberg. Allen Anfeindungen, Beschimpfungen und Drohungen zum Trotz, hat sie es von der kleinen Schülerin, die einsam in Schulstreik geht, zur Leitfigur einer weltweiten Bewegung gebracht, die vor der UN den Regierungen der Welt die Leviten liest.